Auftrag und Wirken

Am 10. Januar 1977 wurde im Kapitelsaal des Kölner Domkapitels das Internationale Institut für Hymnologische und Musikethnologische Studien als wissenschaftliche Arbeits-Plattform der CONSOCIATIO INTERNATIONALIS MUSICAE SACRAE (CIMS), Rom in der deutschen Rechtsform eines gemeinnützigen eingetragenen Vereins gegründet. Seitdem hat es seinen juristischen Sitz in Köln und wird bis heute von dort verwaltet. Vorausgegangenen war das erste musikethnologische Symposium der CIMS vom 14. bis 22. November des heiligen Jahres 1975 in Rom, das die Schaffung eines musikethnologischen Zentralarchivs anregte.

Das Institut wurde seit seiner Gründung von folgenden Vorständen geführt:


Erster Vorstandsvorsitzender:

1977-1998       Prälat Prof. Dr. Johannes Overath †

1998-2007       Prof. Dr. Rüdiger Schumacher †

2008-heute     Dr. Dr. h.c. Gabriel M. Steinschulte


Stellvertretender Vorsitzender:

1977-1984       Prof. Dr. Dr. h.c. Karl Gustav Fellerer †

1984-2010       Prof. Dr. Dr. h.c. Max Lütolf †

2010-2021       Prof. Dr. Laurenz Lütteken

seit 2021          Dr. Christian Kröber


Schatzmeister:

1977-1979       Josef Müller-Steinwachs †

1979-heute     Udo Volberg


Ehrenmitglied:

Prof. Dr. Dr. h.c. Max Lütolf †


Das Institut hat eine dreifache Aufgabe:

  1. die hymnologischen Quellen in den Ländern mit europäischer Volkskultur zu sammeln, zu ordnen und im Sinne der kirchlichen Normen der Musica Sacra zu bewerten,
  2. die musikethnologische Forschung in den außereuropäischen Musikkulturen zu fördern,
  3. den Beziehungen zwischen der Pflege der Musica indigena und der allen Völkern gemeinsamen christlichen Musikkultur, vor allem dem gregorianischen Choral, besonderes Interesse entgegenzubringen.

Die erste dieser Aufgaben ist durch die Mitwirkung des Instituts bei der Herausgabe des achtbändigen Monumentalwerks „Das geistliche Lied im deutschen Mittelalter“ im Rahmen der kritischen Gesamtausgabe der Melodien des Projektes „Das deutsche Kirchenlied“ (Bärenreiter) mit einem Festakt an der Universität Zürich im Jahr 2017 zu einem ersten historischen Ergebnis gekommen.

Die musikethnologischen Forschungsarbeiten wurden im Instituts-Jahrbuch Musices Aptatio (1980-2001) publiziert. Das bisher wohl spektakulärste Projekt war eine vierbändige internationale Studie über die Musikkulturen der Indianer Brasiliens und insbesondere des Amazonas-Gebietes.

Kardinal Ratzinger stellt am 12.01.1991 an der päpstlichen Universität Urbaniana in Rom die zweibändige Monographie von Antonio A. Bispo vor: „Grundlagen christlicher Musikkultur in der außereuropäischen Welt der Neuzeit“, (von links): der Autor, Mons. Overath, Kard. Ratzinger, Abt Bonifacio Baroffio und Mons. Pohl

In jüngster Zeit tritt die dritte Aufgabe des Instituts ­ der Gregorianische Choral im Kontext der ihn umgebenden Musik als aktueller Schwerpunkt mehr in den Vordergrund, auch und gerade im Hinblick auf die wachsende Notwendigkeit einer neuen Evangelisierung in der zunehmend unübersichtlichen kulturellen Situation Europas.

Nach 24jähriger Arbeit im Haus der Kirchenmusik (Villa Reuter) in unmittelbarer Nähe zur Abtei Maria Laach wurde die Arbeitsstätte im Jahr 2010 in das Studienhaus St. Albertus Magnus der Priesterbruderschaft St. Petrus im Wallfahrtsort Bettbrunn (Kösching) bei Ingolstadt verlegt.

Prof. Dr. Rüdiger Schumacher hat die aktuellen Herausforderungen bereits im Jahr 2004 als damaliger Vorstandsvorsitzender des Insituts in einer aus heutiger Sicht prophetischen Rede an der Universität zu Köln zusammengefasst:

„… Es ist hier und heute nicht die geeignete Gelegenheit, über erst angedachte, auf längere Sicht geplante konkrete Forschungsvorhaben zu referieren. Meine ab­schließenden Ausführungen beziehen sich vielmehr auf die aktuellen Herausforderungen an eine grundlegende Forschungsmethodik. Diese eben angesprochene, auch von unseren künftigen wissenschaftlichen Vorhaben geforderte Sorgfalt und Genauigkeit der Betrachtungsweise wird uns ein weiter gesteigertes Differenzie­rungsvermögen abnötigen. Ich will dieses abschließend in zwei Perspektiven kurz skizzieren, zwei Perspektiven, die ich – einer griffigen Formulierung zuliebe – die historische Perspektive und die kulturelle Perspektive nennen möchte.

1. Die historische Perspektive: Es mag banal klingen, diese Tatsache auszusprechen, aber wir alle wissen, dass die Völker der Welt zu ganz verschiedenen Zeiten mit dem Christentum in Berührung gekommen sind. Menschen unterschiedlicher kultureller Prägung und Herkunft, unterschiedlichen Bildungsgrades, unterschiedlichen Charakters haben diesen Völkern den christlichen Glauben vermittelt und dabei einen ganz verschiedenen, bleibenden oder nur kurzzeitig wirksamen Eindruck hinterlassen. Dieses Faktum müssen wir in unserer musikethnologischen Forschungsarbeit in gebührendem Maße berücksichtigen. Das bedeutet: So manches von dem, was uns an der Oberfläche zunächst als Ausdrucksform einer indigenen, von außen nicht oder nur gering beeinflussten, gewissermaßen unberührten, „authentischen“ musikalischen Überlieferung erscheint, erschließt sich bei genauer Betrachtung als das musikalische Erbe einer weit zurückliegenden, den zeitgenössischen Kulturangehörigen möglicherweise nicht einmal mehr bewussten Missio­nierung. Gerade auf diesem Gebiet der unterschiedlichen musikalischen Auswirkungen der Missionsgeschichte hat die mit vielen brasilianischen Kolleginnen und Kollegen in den vergangenen Jahren unternommene Arbeit von Herrn Dr. Bispo eine Fülle wertvoller Erkenntnisse zusammentragen können. Ich denke da z.B. an seine große Arbeit über die Grundlagen christlicher Musikkultur in der außer­europäischen Welt der Neuzeit: Der Raum des früheren portugiesischen Patronatsrechts oder die wichtigen Forschungen über die Musikkultur der Indianer Brasiliens. Das bedeutet, dass wir uns in der Erforschung indigener Musiktraditionen immer bewusst sein müssen, dass wir uns zumeist nicht in einer „Stunde Null“ der Inkulturation des christlichen Glaubens befinden. Das bedeutet letztendlich, dass die Aufgaben hymnologischer und musikethnologischer Forschung vielfach ineinandergreifen.

2. Die kulturelle Perspektive: Wenn von den Völkern der Welt die Rede ist, sprechen die Texte des II. Vatikanischen Konzils von gentes und meinen hiermit im Wesentlichen dasjenige Gruppenkonzept, das in der Völkerkunde meist als Ethnie bezeichnet wird. Die meisten Nationalstaaten der Erde, deren Grenzen zugleich auch den Zuständigkeitsbereich von Bischofskonferenzen markieren, sind jedoch multi-ethnische Gebilde, in denen nicht selten außer der Verkehrssprache der ehemaligen Kolonialverwaltung keine gemeinsame und verbindliche, d.h. alle Menschen dieses politischen Gebildes verbindende Sprache gesprochen wird, und demnach auch keine allen gemeinsame Art des musikalischen Ausdrucks existiert. Damit liegt die fundamentale Problematik volkssprachlichen Betens und Singens unmittelbar auf der Hand, mit der wir uns angesichts der Auswirkungen von „Globalisierung“ künftig intensiver werden auseinandersetzen müssen: Wie mir ein katholischer Pfarrer auf der indonesischen Insel Java einmal sagte: „Wie kann ich in der Liturgie javanisch beten und singen, wenn ein beträchtlicher Teil meiner Gemeinde diese Sprache nicht versteht und auch keinen Zugang zu dieser Musik hat?“ Mag es in ländlichen Regionen vielerorts noch durchaus stabile ethnische Gemeinschaften und Grundstrukturen geben, in den meisten Städten zeigt sich allenthalben in fortschreitendem Maße eine vollständige Auflösung einer an die ethnische Herkunft geknüpften kulturellen Homogenität, ja man erkennt in zuneh­mendem Grade, dass diese kulturelle Homogenität ein vielfach dem Wunsch­denken entsprungenes Konstrukt der Wissenschaft und der Politik ist. Und dieser Prozess wird sich angesichts der globalen Informations- und Kommunikations­medien und als Folge zunehmender Mobilität und Migration der Menschen (ob erzwungen oder freiwillig) in Zukunft eher verstärken. Werden wir daher, wie es viele Ethnologen bereits heute getan haben, das Konzept der Ethnie als nicht mehr adäquat und der Wirklichkeit ent­sprechend völlig aufgeben müssen? Können wir dann andere Gruppenbildungen als Ansatzpunkte für eine wirklichkeitsnahe musikethnologische Forschung erken­nen, oder bleibt allein die vielschichtige und je nach Lebenskontext variable musikalische Identität des Individuums, der „Anthropos“, als Bezugskategorie unserer Forschung?

Es liegt mir fern, diese Fragen im Sinne einer pessimistischen Kulturkritik ver­standen zu wissen. Wollen wir jedoch unsere Augen vor den rapiden weltum­span­nenden kulturellen Veränderungs­prozessen nicht verschließen, so werden diese Fragestellungen unsere künftige Arbeit in erheblichem Maße bestimmen.“

Auszug aus dem Vortrag beim Studienwochenende der CIMS und ihres Instituts für hymnologische und musikethnologische Studien vom 29. bis 31. Oktober 2004 in Köln. Rüdiger Schumacher (1953-2007) war seit 1998 Vorstandsvorsitzender des Instituts.

Hier kann der vollständige Text eingesehen werden.